Lieferengpässe

Webcode V210092 | Erschienen am 1. Oktober 2019

Warum in der Apotheke derzeit viele Medikamente nicht lieferbar sind.
Absprache im Team oft unerlässlich
Lieferengpässe sind leider an der Tagesordnung. Das Team der Apotheke versucht alles, um Lösungen für den Patienten herbeizuführen. 1

Apotheken, die Medikamente nicht liefern können: In einem Land wie Deutschland eigentlich unvorstellbar. Aber genau das wird immer mehr zu einem Problem. Seit dem Frühsommer tritt das Phänomen verstärkt auf und betrifft fast alle Versorgungsbereiche. Ob Schmerzmittel, Blutdrucksenker oder Psychopharmaka – sogar Notfallmedikamente sind betroffen.

Die Situation
Lieferschwierigkeiten sind in der Apotheke mittlerweile ein dauerhaftes Problem. Saisonbedingt kann sich die Situation bei entsprechenden Arzneimitteln sogar noch verschärfen. Eine Befragung der ABDA-Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ergab, dass für 91,2 % der selbständigen Apotheker Lieferengpässe zu den größten Ärgernissen im Berufsalltag gehören – Tendenz seit Jahren steigend (2016: 35,5 %). Die deutliche Mehrheit der Apotheker (62,2 %) wendet mehr als 10 % ihrer Arbeitszeit dafür auf, um bei Engpässen gemeinsam mit Ärzten, Großhändlern und Patienten nach Lösungen zu suchen.

Gemeinsam mit allen europäischen Apotheken hatte die ABDA schon im Juni 2019 darauf aufmerksam gemacht, dass jeder Apotheker durchschnittlich 5,6 Stunden pro Woche damit verbringt, sich um Lieferschwierigkeiten zu kümmern, um eine Versorgung der Patienten zu ermöglichen. Apotheken berichten, dass 150 bis zu 300 Arzneimittel von Lieferengpässen betroffen sind.

Welche Arzneittel sind betroffen
Lieferengpässe gibt es in fast allen Versorgungsbereichen. Selbst Impfstoffe sind davon betroffen. Im Jahr 2018 waren die TOP 10 der Lieferengpässe Schmerzmittel (z. B. Ibuprofen), Blutdrucksenker (z. B. Valsartan), Säureblocker (z. B. Pantoprazol) und Antidepressiva (z. B. Opipramol).

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) pflegt kontinuierlich eine Lieferengpassliste für wichtige Arzneimittel. Es definiert Lieferengpässe dabei als „eine über voraussichtlich zwei Wochen hinausgehende Unterbrechung einer Auslieferung im üblichen Umfang oder eine deutlich vermehrte Nachfrage, der nicht angemessen nachgekommen werden kann“. Allerdings: Die Meldung der Hersteller für diese Liste ist freiwillig. Insofern bildet die Liste nicht die tatsächliche Situation ab.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) unterhält darüber hinaus eine Liste für nicht lieferbare Impfstoffe.

Die Ursachen
Die Ursachen für Lieferengpässe sind vielfältig. Eher selten werden sie dadurch hervorgerufen, dass die Nachfrage höher ist als das Angebot. Aber es kommt vereinzelt vor. Ein Beispiel für diese Situation war der Mitte 2019 zugelassene Impfstoff Shingrix, der gegen Herpes Zoster (Gürtelrose) impft. Eine sehr große Anzahl von Patientinnen und Patienten interessierte sich – der Impfstoff war schnell vergriffen.

Das wesentliche Ursache für Lieferengpässen liegt in der Globalisierung der Produktion und der Vertriebswege. Global betrachtet findet die Produktion der Wirkstoffe für den Weltmarkt vor allem aus Kostengründen meist in Fernost – vornehmlich in Asien und China – und dabei oft nur in wenigen Betrieben statt. In Europa werden nahezu keine Wirkstoffe für die Arzneimittelproduktion mehr hergestellt. Kommt es in dieser Situation bei den Herstellern der Wirkstoffe zu Problemen, zum Beispiel bei der Qualität oder bei den Transportwegen, stehen bei den europäischen Arzneimittelherstellern schnell die Bänder still. Prominentestes Beispiel der jüngsten Zeit war die Verunreinigung beim Wirkstoff Valsartan (2018). Hier zeigte sich, dass nahezu alle Hersteller valsartanhaltiger Arzneimittel in Deutschland ihre Ausgangsstoffe bei dem selben Wirkstofflieferanten bezogen. Insofern waren all diese Hersteller von der Verunreinigung betroffen und mussten ihre Arzneimittel zurückrufen. Millionen von Patientinnen und Patienten waren betroffen. Bis heute konnte die Produktion valsartanhaltiger Arzneimittel nicht wieder auf das Bedarfsniveau hochgefahren werden.

Ein wesentlicher Mitverursacher für Lieferengpässe bei Arzneimitteln ist der Kostendruck, unter dem die Arzneimittelversorgung durch das Gesundheitssystem in Deutschland gestellt ist. Die Sparbemühungen des deutschen Gesundheitssystems mit Preisgrenzen, Zwangsrabatten, Festbeträgen, Abschlägen und Rabattverträgen schaffen eine Situation, in der es für Hersteller und Zwischenhändler nicht selten lukrativer ist, Ware ins Ausland zu verkaufen, weil dort schlicht und einfach die Margen größer sind. Das führt dazu, dass diese Ware zur Versorgung in Deutschland fehlt.

Insbesondere tragen die in Deutschland etablierten Rabattverträge ihren Teil zu Lieferengpässen bei. Dabei schließen Krankenkassen mit einzelnen Herstellern exklusive Lieferverträge, die in den Apotheken nach gesetzlicher Vorgabe umgesetzt werden müssen. Diese Verträge verjüngen den vor allem im Generikabereich breiten Markt auf nur wenige Anbieter. Die auserwählten und exklusiven Rabattpartner der Krankenkassen müssen darüber hinaus sehr große Mengen produzieren – eine Aufgabe, die augenscheinlich nicht durchgängig bewältigt wird. Die Anzahl der nicht verfügbaren Rabattarzneimittel hat sich von 4,7 Mio. (2017) auf 9,3 Mio. (2018) Packungen verdoppelt. Betroffen ist jedes fünfzigste Rabattarzneimittel (9,3 von 450 Millionen).

Was muss sich ändern?
Die deutsche Apothekerschaft hat auf dem Deutschen Apothekertag Ende September 2019 zentrale Forderungen rund um die Problematik der wachsenden Lieferengpässe formuliert. Sie fordert:

  • Mehr Transparenz: Lieferengpässe müssen von den Herstellern schneller bekannt gegeben werden. Sämtliche Akteure müssen in ein zentrales Informationssystem eingebunden werden.
  • Mehr Auswahl: Krankenkassen müssen Rabattverträge mit mehreren Herstellern abschließen. In der Apotheke muss der Austausch eines verfügbaren Medikaments leichter möglich sein.
  • Weniger Exporte: Exporte versorgungsrelevanter Fertigarzneimittel, bei denen Knappheit herrscht oder zumindest droht, sollten gesetzlich untersagt werden.
  • Mehr Standorte: Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, damit die Wirkstoffproduktion wieder stärker in Europa stattfindet und entsprechende Qualitätsstandards eingehalten werden.

Zusätzlich fordert die deutsche Apothekerschaft seit Jahren die Abschaffung der staatlich festgelegten Importförderung von Arzneimitteln und damit verbunden auch die Abschaffung der in Deutschland gesetzlich geregelten Importquote. Sie verpflichtet die Apotheke, eine festgelegte prozentuale Anzahl an Arzneimitteln als Importware abzugeben. Auch die AOK hat sich dieser Forderung angeschlossen. Eine Umsetzung dieser Forderung durch den Gesetzgeber ist bislang nicht erfolgt.