
Der Blick über den Tellerrand
Interview mit Sören Friedrich, Geschäftsführer der GEDISA, zur Digitalstrategie der Verbände
Die Mitglieder des LAV Baden-Württemberg haben auf der Mitgliederversammlung eine wichtige Entscheidung getroffen und einer Beteiligung ihres LAV an der Digi-talstrategie der Verbände zugestimmt. Diese Planungen haben zum Ziel, alle Mit-gliedsapotheken, den LAV und seine Dienstleistungen in einer immer digitaleren Welt zu stärken, besser zu vernetzen und zukunftsfähig zu machen. Eine entschei-dende Rolle wird hier der GEDISA zufallen. Sören Friedrich, GEDISA-Geschäftsführer, erklärt im Interview den aktuellen Sachstand.
Herr Friedrich vielleicht ganz Grundlegendes zuerst: Warum ist eine gemeinsa-me und abgestimmte Digitalstrategie wichtig?
Aus meiner Sicht ist eine gemeinsame und abgestimmte Digitalstrategie für die Vor-Ort-Apotheken von elementarer Bedeutung, um ihre Rolle in der Gesundheitsver-sorgung auch zukünftig sichern und weiterentwickeln zu können. Nur durch ein koordiniertes Vorgehen können die Apotheken flächendeckend digitale Lösungen umsetzen, die sowohl den betrieblichen Anforderungen als auch den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden gerecht werden.
In Zeiten wachsender Konkurrenz durch Versandapotheken, verschiedenste Ge-sundheitsplattformen und Technologiekonzerne mit Partikularinteressen ist es un-erlässlich, dass die Vor-Ort-Apotheken ihre Stärken auch digital sichtbar machen – etwa durch eine einfache Einlösung des E-Rezepts, digitale Beratungsmöglichkei-ten, automatisiertes Medikationsmanagement oder vernetzte Versorgungsangebote.
Eine abgestimmte Strategie hilft, Insellösungen und Doppelentwicklungen zu ver-meiden, Ressourcen effizient zu nutzen und gemeinsame Standards etwa beim Datenschutz, bei der IT-Sicherheit und bei der digitalen Kommunikation zu etablie-ren. Gleichzeitig stärkt sie das kollektive Auftreten der Apotheken gegenüber Politik, Krankenkassen und anderen Akteuren im Gesundheitswesen. (…)
Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck – sie muss den Menschen dienen. Mit einer gemeinsamen Digitalstrategie können die Vor-Ort-Apotheken diesen Anspruch er-füllen und sich als unverzichtbare, moderne Säule der Gesundheitsversorgung po-sitionieren.
Zur Digitalstrategie gehören verschiedene Komponenten. Lassen Sie uns viel-leicht zunächst mit dem Retax-Modul und dem Sicheren Datenraum für Apothe-ken anfangen. Das ist vielleicht auch für die Apothekerschaft auf den ersten Blick das nutzwertigste Tool. Was bringt das Retax-Modul unseren Mitgliedern konkret für Vorteile – und wann wird es einsatzbereit sein?
In Zeiten des elektronischen Rezepts sind viele Beteiligte, insbesondere die Apo-theken, davon ausgegangen, dass über den Einsatz technischer Hilfsmittel keine Beanstandungsverfahren notwendig sind. Mit Blick auf die derzeitige Gesamtsitua-tion muss man aber feststellen, dass diese Prämisse leider nicht von allen Beteilig-ten, insbesondere von den Krankenkassen, geteilt wird.
Zudem sind die Apotheken nunmehr vor das Problem gestellt, den digitalen E-Rezept-Prozess mit dem auf Papier bezogenen so genannten Beanstandungspro-zess der Krankenkassen vereinbaren zu müssen. Von den unterschiedlichen Transportwegen im Beanstandungsprozess abgesehen, wurde die Nachvollzieh-barkeit für Retaxen erschwert.
Sowohl die Einsichtnahme in die Verordnungs- und Abrechnungsdateien als auch die Interaktion mit den Landesapothekerverbänden wurden durch den Medienbruch massiv erschwert. Genau hier setzt das elektronische Retaxportal der LAVen an.
Über sichere und standardisierte Eingangs- und Ausgangskanäle, die vereinfachte Organisation und Bearbeitung von Fällen im Beanstandungsprozess (mit dem LAV), bis hin zur automatisierten Erkennung von Massenretaxen und digitaler Be-arbeitungshilfen – all dies soll das elektronische Retaxportal der Landesapotheker-verbände und -vereine leisten. (…)
Mit der künftigen Abwicklung von Retaxationen im Retax-Modul ist der Sichere Datenraum eng verknüpft – erklären Sie den Zusammenhang bitte mal laienver-ständlich. Wie ist zukünftig der Weg der Retax-Bearbeitung vorgesehen?
Um die Beanstandungen von Krankenkassen zielführend bearbeiten zu können, müssen Apotheken in die Lage versetzt werden, sowohl die übermittelten Bean-standungsinformationen als auch die ursprünglichen Verordnungs-, Abgabe-, Quit-tungs- und Abrechnungsinformationen vorzuhalten und zu sichten.
Der „Sichere Datenraum“ der GEDISA stellt für uns das Bindeglied zwischen Ein- und Ausgang von Beanstandungs- und Erwiderungsdokumenten sowie den Bear-beitungsprozessen dar. Der Vorteil für die Apotheke liegt aus meiner Sicht klar auf der Hand – hochsichere Speicherung aller Information auf einer apothekeneigenen Infrastruktur und das nicht nur für das Thema Retax, sondern auch für die Digitali-sierung aller Unterlagen in den Apotheken (Buchhaltung, Verwaltung etc.).
Der LAV wird seinen Mitgliedern künftig das GEDISA Plus-Paket kostenfrei zur Verfügung stellen – was ist darin alles enthalten und wofür benötigen die Apo-theken die einzelnen Bestandteile?
Das GEDISA-Plus-Paket ist ein erweitertes digitales Dienstleistungsangebot. Es ergänzt das Basispaket um zusätzliche zentrale Funktionen, die eine moderne und vernetzte Apothekenpraxis unterstützen sollen. (…)
Dazu gehören
- der TI-Messenger für die sichere Kommunikation innerhalb der Telematikinf-rastruktur (TI), welcher derzeit bei einem Großteil aller Krankenkassen und Kassen-Apps ausgerollt wird und daher im nächsten Jahr eine zentrale Rolle bei der Übertragung von Interaktionen mit der Apotheke einnehmen wird (E-Rezept-Token-Übertragung, Belieferungsanfragen etc.),
- KIM (Kommunikation im Medizinwesen) als derzeitig gesicherter Weg der In-teraktion in der Pflegeheimversorgung,
- der bereits erwähnte, sichere Datenraum (SDR) für die Speicherung sensib-ler Informationen,
- ein digitales Terminmanagement, das nahezu 20 Serviceleistungen der Apo-theken unterstützt sowie
- ein Retaxportal, das derzeit in Entwicklung ist und die Bearbeitung von E-Rezept-Retaxationen vereinfachen soll.
Das Plus-Paket bietet Apotheken nicht nur eine wirtschaftliche und einheitliche Möglichkeit, zentrale digitale Funktionen aus einer Hand zu beziehen, sondern soll über eine moderate Preisgestaltung dafür sorgen, dass die Vor-Ort-Apotheken nicht digital abgehangen werden. Dies wird alles nur möglich sein, wenn wir als Gemein-schaft an das digitale Morgen denken.
Wir hören immer mal, dass es auch Unzufriedenheiten gibt – beispielsweise mit dem Support oder auch mit einzelnen Anwendungen. Kommt solche Kritik überhaupt bei Ihnen an – und was sagen Sie Ihren Kritikern?
Kritik an der GEDISA, etwa in Bezug auf den Support oder bestimmte Anwendun-gen, ist uns durchaus bekannt – und sie können davon ausgehen, dass die größ-ten Kritiker in der GEDISA selbst sitzen.
Wir sind Ende 2021 mit dem Anspruch gestartet, als apothekeneigenes Unterneh-men uns Stück für Stück das Vertrauen der Apothekerinnen und Apotheker zu er-arbeiten. Das ist uns bei der Ausstellung von digitalen Impfzertifikaten und der zent-ralen Bereitstellung von CardLink, mit nahezu 20 App-Partnern, geglückt. In ande-ren Bereichen gibt es aber zugegebenermaßen noch „Luft nach oben“. (…)
LAV-Mitglieder können das ganze Interview mit Sören Friedrich in den aktuellen LAV-Nachrichten hier nachlesen.