

Fünf Stühle, fünf Meinungen - LAV-Präsident Fritz Becker diskutierte kontrovers mit vier namhaften baden-württembergischen Vertretern der Bundespolitik über die Zukunft der niedergelassenen Apotheken. Gesprächspartner waren Annette Widmann-Mauz (Gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion), Biggi Bender (Mitglied des Gesundheitsausschusses, Bündnis 90 / Die Grünen), Peter Friedrich (Mitglied des Gesundheitsausschusses, SPD) sowie Ernst Burgbacher aus dem Bundesvorstand der FDP. Moderator der Veranstaltung am 15. Juli 2009 war Elmar Esser, der als früherer Pressesprecher der ABDA, bestens mit der Materie vertraut ist.
Gleich zu Beginn der Veranstaltung sorgte Birgitt Bender von den Grünen für einen polarisierenden Auftritt. Aufmerksam verfolgten über 200 Zuhörer im Stuttgarter Haus der Wirtschaft ihre Antwort auf die Frage zum Fremdbesitzverbot. "Der Ball liegt nach der Entscheidung des EuGH im Mai nun wieder im Feld der nationalen Entscheidungsträger", fasste Esser zusammen. "Wie stehen Sie dazu, Frau Bender? Setzen Sie nun alles daran, die Luxemburger Entscheidung zu kippen?" Bender forderte vor allem "Transparenz für die Kunden" und da müssten alle Möglichkeiten abgewogen werden – auch ob ein Fremdbesitzverbot weiterhin Bestand haben soll. "Wir haben dazu aber auch keinen Absatz in unser Wahlprogramm geschrieben", blieb Bender eher unverbindlich.
"Der Weg über die Tankstelle ist ein Umweg"
"Weitere wichtige Themen des Abends waren unter anderem die Pick-up-Stellen. Peter Friedrich von der SPD räumte ein, dass er keinen persönlichen Bedarf für Pick-up-Möglichkeiten an der Tankstelle habe. "Bei mir gibt es in 150 Metern eine niedergelassene Apotheke. Für mich ist der Weg über die Tankstelle ein Umweg." Friedrich räumte jedoch ein, dass es innerhalb der Koalition zum Thema Versandhandel und Pick-up keine Einigkeit gegeben habe. Entscheidend für die Menschen sei, dass auch künftig eine flächendeckende Versorgung sichergestellt würde – das lasse sich auch nicht auf die Frage Kettenbildung oder nicht reduzieren.
Liberalisierung um jeden Preis?
Gerade die Fragen rund um Chancen und Risiken des Wettbewerbs im Gesundheitswesen beschäftigte die Gesprächsrunde immer wieder. "Liberalisierung heißt nicht, dass alle Schranken aufgehoben werden", so Ernst Burgbacher von der FDP. "Genau das Gegenteil ist der Fall. Liberalismus heißt, dass der Staat Regeln und Grenzen vorgeben muss. Gerade weil es bei der Gesundheit nicht um beliebige Waren geht. Deswegen kann ich Entwicklungen wie Pick-up nicht gutheißen."

Auch Annette Widmann-Mauz für die CDU warnte davor, die Unabhängigkeit und Freiberuflichkeit der Apotheken zu vertauschen gegen eine irgendwie definierte "Semi-Qualität". Sie forderte für die Zukunft der niedergelassenen Apotheke "eine materielle Sicherheit mit der auch eine fachliche Sicherheit erhalten werden kann".
Wettbewerb wird über Qualität der Versorgung entschieden
Dieser Haltung konnte sich auch Fritz Becker anschließen: "Die Apothekenpflicht sichert eine gute Patientenversorgung. Dafür stehen die Individualapotheken. Wir werden keinen Wettbewerb über den Preis gewinnen. Unser Wettbewerb wird über die Qualität der Versorgung entschieden." Nichtsdestotrotz machte Becker deutlich, dass sich im OTC-Bereich schon 80 Prozent der Offizinapotheken im Wettbewerb um den Preis befänden. Damit widersprach Becker der Argumentation von Bender, die für die Zukunft der Apotheken einen verstärkten Preiskampf für eine patientenorientierte Versorgung forderte.

Eine Publikumsfrage machte schließlich auch deutlich, dass uneingeschränkter Handel mit Arzneimittel auch negative Folgen haben kann: "Einer offensichtlich magersüchtigen Patientin gebe ich in meiner Apotheke kein Abführmittel ab. Wissen Sie, was solche Kundinnen dann sagen? 'Dann bestelle ich mir das eben über das Internet, da bekomme ich soviel ich will.' Sieht so eine Versorgung zum Wohle der Menschen aus, Frau Bender?" Die konkrete Antwort hierauf blieb die Bundestagsabgeordnete jedoch schuldig.
Politik mischt sich oft ein
Zahlreiche Argumente wurden auch über die Zukunft der Selbstverwaltung und des freien Berufes ausgetauscht. Becker kritisierte als LAV-Präsident die Einmischung der Politik in die Verhandlungen rund um den Apothekenabschlag. "Ein bereits ausgehandelter Kompromiss ist politisch torpediert und zu Fall gebracht worden. Bei der Erfüllung unserer Pflichten rund um die Rabattverträge sind die Apotheken lange schon in Vorleistung gegangen.
Unser verdientes Honorar für diesen Mehraufwand wird uns so vorenthalten." Dass die derzeitige Gestaltung und Umsetzung der Rabattverträge noch nicht der Weisheit letzter Schluss seien, darüber war sich das Podium überraschend einig. Auch Fragen aus dem Publikum rund um die tatsächlich erzielten Einsparungen über die Rabattverträge machten deutlich, dass dieses Steuerungsinstrument noch nicht ausgereift und seine Wirksamkeit noch lange nicht wissenschaftlich belegt ist.
Becker: "Der Mensch gehört in den Mittelpunkt."
Generell forderten alle, dass die Versorgung der Menschen patientenindividueller werden müsse: "Die Regelung 'ein Hersteller pro Wirkstoff und Gebietslos' schränkt die Vielfalt zu sehr ein." Auf großes Verständnis traf auch die Forderung der Apothekerschaft, dass eine Austauschbarkeit hin zu Rabattarzneimitteln bei Indikationsungleichheit nicht erzwungen werden dürfe, wie es jüngste Vorstöße der Kassen thematisieren. "Wenn das von uns gefordert wird, dann muss der Apotheker hier auch aus der Haftungspflicht genommen werden. So etwas kommt einem erzwungenen Off-Label-Use gleich", so Becker unter dem Applaus des Publikums.
"Wenn wir uns hier weigern und dann auch noch auf Null retaxiert werden, ist das ein Hohn! Wenn ich die Menschen ernst nehme und gut versorge, dann möchte ich dafür auch das Geld, das mir zusteht."
Hand in Hand arbeiten – ein Zukunftsmodell
Wohin soll die Reise insbesondere nach der Bundestagswahl gesundheitspolitisch gehen? – Der Ausblick aller Parteien machte deutlich, dass eine integrierte Versorgung der Menschen angestrebt werde. Eine bessere Vernetzung der Versorgungsebenen müsse angestrebt werden.
Krankenhäuser, Ärzte und Apotheker seien gemeinsam für die Versorgung der Menschen zuständig, lautete der fast einstimmige Tenor. Becker fasste so zusammen: "Schreiben Sie das so in die Koalitionsvereinbarungen hinein. Wir Apotheker gehen neue Wege mit, wo wir mehr machen, als nur Arzneimittellieferverträge zu erfüllen. Wir stellen uns neuen Verantwortungen vom Wiederholungsrezept bis hin zu weiteren Aufgaben in der vernetzten Versorgung zwischen Arzt und Offizin."
Downloads zur weiteren Verwendung:
Zusammenfassung der Podiumsdiskussion
Video (wmv-Datei)
Links zur weiteren Information:
Gesundheitspolitik: Mehr Verantwortung für Apotheker
Pharamzeutische Zeitung, Ausgabe 30/2009
Apotheken suchen den Schulterschluss
Ärzte-Zeitung vom 21.07.2009

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